Buchtipp

Und die ganze Affenbande brüllt

Menschenaffen, Begegnung mit unseren nächsten Verwandten
Martha Robbins, Christophe Boesch (Hrsg.)

Auge in Auge mit einem ausgewachsenen Gorilla-Männchen zu stehen, ist nicht jedermanns Sache. Auch nicht, zwischen die Fronten eines Zweikampfes zu geraten, in dem zwei Silberrücken die Rangfolge in ihrer Gruppe ausfechten. Es sei denn, man ist Biologin und erforscht das Verhalten von Gorillas. So wie Martha Robbins, Verhaltensforscherin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Zusammen mit Christophe Boesch, ebenfalls Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut und seit Jahren im afrikanischen Regenwald aktiv, hat sie Berichte von Wissenschaftlern in Tagebuchform gesammelt, die Schimpansen und Gorillas erforschen.

Die Forscher nehmen den Leser mit auf ihre Streifzüge durch den Dschungel und zeigen ihm an Einzelschicksalen, wie sich die afrikanischen Menschenaffen in ihrer Umwelt zu Recht finden und miteinander zusammenleben. Traurige Ereignisse gehören genauso dazu wie Momente voller Begeisterung und Glücksgefühle. Dabei haben die Wissenschaftler für ihr Tagebuch keineswegs nur besonders spektakuläre Zusammentreffen mit den Affen ausgewählt. Viele ihrer Berichte beschreiben den überaus mühsamen Alltag im Regenwald. Oft durchkämmen die Biologen wochenlang den Wald auf der Suche nach ihren Studienobjekten und hören allenfalls aus der Ferne ihre Rufe. Sie analysieren das Nahrungsspektrum und bestimmen dafür tausende von Pflanzenarten. Und sie sammeln Kotproben für DNA-Analysen, aus denen sich die verwandtschaftlichen Beziehungen innerhalb einer Gruppe herauslesen lassen. Die wissenschaftliche Arbeit ist also nicht immer so aufregend, wie man vermuten könnte. Damit der Leser trotzdem Neues über das Leben von Schimpansen und Gorillas erfährt, sind zwischen die Forscherberichte immer wieder Absätze zu Themen wie Krankheiten, Sozialbeziehungen und den Werkzeuggebrauch eingestreut.

Wenn die Wissenschaftler auf eine Gruppe Menschenaffen stoßen, sind die zermürbende Suche, die wunden Füße, die Heerscharen von Moskitos und Blutegeln vergessen. Dann geht alles plötzlich ganz schnell: Dunkle Schatten rasen durch das Unterholz, die Luft ist erfüllt von Geschrei und Getrommel, so dass die Wissenschaftler kaum verfolgen können, was die Aufregung verursacht. Urplötzlich ist der Spuk vorbei und die Forscher müssen aus ihren Notizen den Ablauf rekonstruieren.

Zu den eindrücklichsten Stellen des Buches gehört es, wenn die Forscher nach solch einem Aufruhr ein Tier tot am Boden finden. Gottfried Hohmann und Barbara Fruth haben beobachtet, wie Bonobos ein Männchen ihrer eigenen Gruppe töteten, das zuvor eine Mutter mit ihrem Baby attackiert hatte. Josephine Head berichtet von regelrechten „Kriegen“ zwischen Schimpansengruppen im Regenwald Gabuns, in denen ebenfalls immer wieder Tiere getötet werden. Die Beobachtung, dass Menschenaffen, ja selbst die als so friedlich geltenden Bonobos, Artgenossen töten, löst selbst bei erfahrenen Wissenschaftlern immer noch Bestürzung hervor. Oft können sie diese Gewaltausbrüche nicht erklären. Aber die Beobachten belegen: Unter Primaten ist Gewalt gegen Artgenossen keine menschliche Spezialität.

Die Lektüre des Tagebuches macht klar, wie schwierig es selbst heute im Zeitalter von GPS und digitalen Videomitschnitten noch ist, Menschenaffen in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten. Es scheint inzwischen fast einfacher zu sein, das Erbgut der Tiere zu analysieren als ihr Sozialverhalten über einen längeren Zeitraum zu dokumentieren. Denn die Tiere dulden Menschen nicht so ohne weiteres in ihrer Nähe. Monatelanges geduldiges Annähern ist notwendig, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Es dauert häufig Monate, bis eine Gruppe „habituiert“ ist, sich also in der Anwesenheit von Menschen natürlich verhält, und die Forscher mit ihrer Forschungsarbeit beginnen können.

Entsprechend lückenhaft ist das Wissen über Schimpansen und Gorillas. Ganz zu schweigen von den lokalen Unterschieden innerhalb einer Art. Zwar wissen die Forscher heute, dass Menschenaffen eigene Kulturen ausprägen, und beispielsweise die Schimpansen der Elfenbeinküste Werkzeuge anders einsetzen als die Schimpansen Tansanias. Viele dieser kulturellen Unterschiede liegen jedoch noch im Dunkeln.

Es gibt also noch viel zu Entdecken. Doch die Forscher können selbst zur Gefahr für die Tiere werden. Denn an die Anwesenheit von Menschen gewöhnte Tiere werden leicht Beute von Wilderern. Der enge Kontakt mit Menschen birgt zudem die Gefahr, dass sie sich mit Krankheitserregern anstecken. In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass Infektionen neben dem Verlust von Lebensraum und Wilderei die Menschenaffen Afrikas am stärksten bedrohen. So hat eine Ebola-Infektion die Gorillas in einem kongolesischen Nationalpark innerhalb weniger Monate um 90 Prozent dezimiert. Strenge Hygienevorschriften sollen die Übertragung von Krankheiten vom Menschen auf Gorillas und Schimpansen verhindern: Egal ob Wissenschaftler oder Öko-Tourist, in der Nähe von Affen ist ein Mundschutz Pflicht, und wer krank oder erkältet ist, darf nicht in den Wald.

Trotz der Risiken, der Nutzen der Forschung überwiegt, darüber sind sich die Herausgeber und Autoren des Buches einig. Die Anwesenheit der Wissenschaftler im Urwald schreckt Wilderer nachgewiesenermaßen ab. Außerdem können die Forscher mit ihrem Wissen über die Lebensbedingungen und das Verhalten von Menschenaffen Konzepte für einen Ökotourismus entwickeln. Das Geld, das Touristen bezahlen, um Gorillas oder Schimpansen in freier Wildbahn beobachten zu können, ist Anreiz für die einheimische Bevölkerung, die Tiere zu schützen. Auch für die Menschenaffen gilt damit: Nur was man kennt, kann man auch schützen.

Martha Robbins, Christophe Boesch (Hrsg.),
Menschenaffen
, Begegnung mit unseren nächsten Verwandten
184 Seiten, S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2013, 24,90 Euro

 
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