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Schimpansen in Westafrika

Das Max-Planck-Camp im Taï-Nationalpark

Weitere Informationen zum Taï-Schimpansenprojekt der Abteilung Primatologie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und zur Forschungsstation im Taï-Nationalpark (englisch) [mehr]

Wissenswertes über Schimpansen

  • Schimpansen leben meist im tropischen Regenwald, sie können sich aber an unterschiedliche Lebensräume anpassen und kommen – im Gegensatz zu den anderen großen Menschenaffen – auch in den trockeneren Baumsavannen vor.
  • Schimpansen ernähren sich hauptsächlich von Früchten, fressen aber auch Blätter, krautige Pflanzen und Fleisch. Sie angeln nach Termiten und Ameisen und machen Jagd auf kleinere Affen.
  • Schimpansen leben in größeren Gruppen, die nicht selten über 50 Tiere umfassen, sich aber zeitweise  in kleinere Gruppen mit wechselnder Zusammensetzung aufspalten können.
  • Weibchen verlassen in der Regel die Geburtsgruppe und schließen sich anderen Gruppen an, Männchen bleiben in ihrer Ursprungsgruppe.
  • Schimpansengruppen verteidigen ihre recht großen Streifgebiete vehement gegen männliche Eindringlinge. Fremde Weibchen werden dagegen in der Regel in der neuen Gruppe akzeptiert. Das Revierverhalten dient dem Schutz der Weibchen und Kinder sowie der Sicherung der Nahrungsressourcen. Eine in der Regel aus mehreren erwachsenen Männchen bestehende Gruppe macht regelmäßig „Patrouillengänge“ und hält nach Feinden Ausschau. Sie bewegen sich dabei so leise wie möglich.

Buchtipp

Eine Begegnung mit Menschenaffen in der Wildnis bleibt jedem im Gedächtnis – vor allem den Forschern, die viele Jahre im Regenwald verbringen. Was sie bei ihrer Arbeit erlebt und in Tagebüchern festgehalten haben, schildern hier zehn Wissenschaftler.

Und die ganze Affenbande brüllt

Eine Begegnung mit Menschenaffen in der Wildnis bleibt jedem im Gedächtnis – vor allem den Forschern, die viele Jahre im Regenwald verbringen. Was sie bei ihrer Arbeit erlebt und in Tagebüchern festgehalten haben, schildern hier zehn Wissenschaftler. [mehr]

Forschung im Dschungel

Im Dschungelcamp – Feldforschung an der Elfenbeinküste

Westafrika, Republik Côte d’Ivoire, Taï-Nationalpark, unweit der Grenze zu Liberia: Zwölf Autostunden von der Hafenstadt Abidjan, drei Stunden unbefestigte Piste entfernt vom nächsten Dorf, liegt mitten im tropischen Regenwald das Camp der Max-Planck-Forscher. Seit mehr als 30 Jahren erforschen Wissenschaftler um den Schweizer Primatenforscher Christophe Boesch hier die Schimpansen, die in diesem Urwald zu Hause sind. Seit 1997 gehört das Camp zum Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Die Straße – sofern man die schlammige Piste, die in der Regenzeit auch mit einem modernen Allradfahrzeug oft nur mit Schwierigkeiten zu befahren ist, so bezeichnen möchte – führt bis zum Camp Nord. Von dort geht es zu Fuß zu den drei eigentlichen Forschungscamps. Allerdings erst nach einem längeren Zwischenstopp: Jeder, der ins Camp kommt – egal ob erstmalig oder nach einem Besuch der „Außenwelt” – muss zunächst fünf Tage im Nördlichen Camp zubringen, bevor er oder sie das Forschungsgebiet betreten darf. Diese Quarantäne ist eine unbedingt notwendige Vorsichtsmaßnahme, denn vom Menschen eingeschleppte Krankheiten sind eine der größten Bedrohungen für die Menschenaffen.

Die Max-Planck-Wissenschaftler erforschen im Taï-Nationalpark drei habituierte, das heißt an die Anwesenheit von Menschen gewöhnte, einander benachbart lebende Schimpansengruppen mit zusammen ungefähr 100 Tieren. Ein Ziel der Forscher ist es, das Leben der Taï-Schimpansen in ihrem natürlichen Lebensraum im Detail kennen zu lernen und zu dokumentieren. „Schimpansen ähneln uns in vielerlei Hinsicht”, sagt Christophe Boesch, Direktor der Abteilung Primatologie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Gründer und langjähriger Leiter des Taï-Schimpansenprojekts. „Indem wir diese Ähnlichkeiten zu unseren nächsten Verwandten in ihrem natürlichen Lebensraum in Afrika untersuchen, erfahren wir mehr über die evolutionären Wurzeln von Kultur. Und die ist für uns Menschen ja eines der Schlüsselelemente unserer Identität.“

Letztendlich geht es also um die Frage, was den Menschen zum Menschen macht. Sind wir einzigartig in unserer Fähigkeit, Traditionen und Kulturen zu entwickeln und an unsere Nachkommen weiterzugeben? Oder gibt es auch bei Menschenaffen soziale Traditionen, also Verhaltensunterschiede, die weder genetisch bedingt noch durch ökologische Bedingungen erklärbar sind und die innerhalb einer Gruppe von Generation zu Generation weitergegeben werden? Um dies zu erforschen, bietet die Forschungsstation des Max-Planck-Instituts im Taï-Nationalpark optimale Bedingungen. Denn hier können die Wissenschaftler Schimpansengruppen beobachten, die nah benachbart unter ähnlichen ökologischen Bedingungen leben und sich auch genetisch kaum voneinander unterscheiden.

Ebenso wichtig ist es für die Forscher aber auch, Basisinformationen zur Gesamtzahl der Affen, Gruppengrößen und Gruppenzusammensetzung im Nationalpark zu erfassen. Denn bisher weiß niemand genau, wie viele der großen Menschenaffen es im Freiland überhaupt noch gibt – weder für Schimpansen, Bonobos und Gorillas in Afrika noch für die Orang-Utans in Asien sind genaue Populationsgrößen bekannt. Doch solche grundlegenden Informationen werden dringend benötigt, um die Auswirkungen natürlicher Veränderungen oder auch den Erfolg von Naturschutzmaßnahmen wissenschaftlich abgesichert zu bewerten.

Das Nord-Camp, das heute als Hygiene-Barriere zwischen den Schimpansen und der Außenwelt fungiert, ist über eine unbefestigte, oft schlammige Straße zu erreichen. Von hier aus geht es zu Fuß zu den drei Forschungscamps. Bild vergrößern
Das Nord-Camp, das heute als Hygiene-Barriere zwischen den Schimpansen und der Außenwelt fungiert, ist über eine unbefestigte, oft schlammige Straße zu erreichen. Von hier aus geht es zu Fuß zu den drei Forschungscamps. [weniger]

Der Regenwald des Taï-Nationalparks ist den Leipziger Wissenschaftlern gut vertraut. Manche, wie Christophe Boesch oder Tobias Deschner, einer seiner engsten Mitarbeiter, kommen seit Jahrzehnten immer wieder hierher, andere – Studenten oder Doktoranden – zumindest für mehrere Monate. Derzeit leben und arbeiten im Camp meist um die 20 Forscherinnen und Forscher: Wissenschaftler, Doktoranden, Studenten und einheimische Feldforschungsassistenten. Dazu gehören auch einige Personen, die sich um die Versorgung der Forscher kümmern, zum Beispiel ein Fahrer, der einmal wöchentlich Lebensmittel bringt und auch sonst alle notwendigen Fahrten ins nächste Dorf oder in die Hafenstadt Abidjan erledigt.

Auch ein Tierarzt gehört zum ständig anwesenden Team im Max-Planck-Camp. Er verfügt im Camp Nord unter anderem über ein einfaches Molekularbiologie-Labor einschließlich einer PCR-Maschine zur Vervielfältigung kleinster DNA-Spuren. So kann er regelmäßig den Gesundheitszustand der Tiere überprüfen, dokumentieren und bei einer Erkrankung eines Tieres versuchen, schnell herauszufinden, um was es sich handelt. Und er untersucht routinemäßig jeden Ankömmling im Camp Nord auf einige für die Schimpansen besonders gefährliche Erreger von Atemwegserkrankungen. Denn auch ein gesund wirkender Mensch kann diese beherbergen und so unter den Affen eine lebensbedrohliche Epidemie auslösen. In der Regel werden kranke Schimpansen vom Tierarzt allerdings nicht behandelt, denn die Menschenaffen sollen trotz der Anwesenheit der Forscher Wildtiere bleiben, auf deren Leben die Wissenschaftler so wenig Einfluss wie möglich nehmen. Ausnahmen sind Krankheiten, die von Menschen eingeschleppt wurden.

Verhaltensbeobachtungen an wild lebenden Schimpansen

Um das Verhalten von Menschenaffen in ihrer natürlichen Umgebung beobachten zu können, müssen die Forscher die Tiere an Menschen gewöhnen, bis diese von ihnen möglichst wenig bis keine Notiz mehr nehmen – man spricht von „habituieren“. Doch bevor damit überhaupt begonnen werden kann, müssen die Wissenschaftler die Affen erst einmal finden. Rein rechnerisch lebt im Taï-Nationalpark auf einer Fläche von zehn Quadratkilometern weniger als ein Schimpanse. Man läuft ihnen also nicht einfach so über den Weg. Den Forschern bleibt nichts anderes übrig, als möglichst leise und unauffällig den Wald zu durchkämmen und auf Spuren der Tiere zu achten: weggeworfene Fruchtschalen, zerkaute Pflanzen, Fußabdrücke, Schimpansenkot, verlassene Schlafnester in den Bäumen. Zum Glück machen Schimpansen oft einen Heidenlärm – hört man sie, kann man den Rufen über recht weite Strecken folgen.

Die Forscher nehmen so regelmäßig wie möglich Kontakt mit den Affen auf, indem sie sich einer Gruppe behutsam nähern. Dulden die Schimpansen die Gegenwart der Forscher und fliehen nicht mehr, sobald sie die Menschen bemerken, ist ein erstes Ziel erreicht. Nach und nach fassen die einzelnen Mitglieder der Gruppe Vertrauen und akzeptieren – oft erst nach monatelangem geduldigem Annähern – dass sich Menschen in ihrer unmittelbaren Nähe aufhalten. Schimpansen leben nicht wie Gorillas in festen Gruppen, sondern in sogenannten Fission-Fusion-Gemeinschaften: Innerhalb der Gemeinschaft formen sich ständig neue kleinere Untergruppen, die sich wieder auflösen und neu zusammensetzen. Daher kann es lange dauern, bis sich alle Individuen gleichermaßen an die Anwesenheit der Menschen gewöhnt haben und keine Notiz mehr von ihnen nehmen. Bis eine Schimpansengruppe die Anwesenheit der Forscher als „normal“ akzeptiert und die Tiere sich auch in deren Gegenwart so verhalten als wären sie allein, vergehen in der Regel circa fünf Jahre – erst dann kann die eigentliche Forschung beginnen. Auch dies macht habituierte Schimpansengruppen wie die im Taï-Nationalpark so wertvoll für die Erforschung von Primaten.

Den Wissenschaftlern kommt es darauf an, die natürlichen Verhaltensweisen von Menschenaffen zu beobachten; sie möchten deren „Alltag“ im Dschungel kennenlernen. Ihr eigenes Verhalten ist deshalb stets darauf ausgerichtet, das Verhalten der Tiere so wenig wie möglich zu beeinflussen. Den Affen gegenüber verhalten sie sich strikt neutral: Sie füttern sie nicht, sie essen nicht in Gegenwart der Schimpansen, sie kommen nie in Körperkontakt mit den Tieren. Und sie spielen nicht mit Jungtieren, auch wenn diese neugierig sind und von sich aus versuchen, mit den Forschern Kontakt aufzunehmen. Aber sie folgen ihnen überall hin und beobachten sie.

Die Menschen bemühen sich auch nicht darum, Mitglieder der Schimpansengruppe zu werden – im Gegenteil, sie verhalten sich stets so, dass die Affen sie zwar in ihrer Nähe akzeptieren, sie ansonsten aber ignorieren. Dies dient nicht nur der Forschung, sondern auch der eigenen Sicherheit. Denn würden die Beobachter von den Affen als ihresgleichen angesehen, würden sie unweigerlich auch in Rangkämpfe verwickelt – und das wäre für die Forscher fatal: Ein ausgewachsener Schimpanse ist um Einiges stärker als ein erwachsener Mann.

Sorgfältig achten die Wissenschaftler auch darauf, von den Tieren nicht als Nahrungskonkurrenten wahrgenommen zu werden. Sie essen keine Früchte, sammeln keine Nüsse im Gebiet der Schimpansen, das reiche Nahrungsangebot des Urwalds ist für sie tabu. Alle Nahrungsmittel werden mitgebracht. Genauso rigoros ist die Entsorgung des Abfalls, alles Kompostierbare wird sorgfältig vergraben, der Rest wird ins nächste Dorf gebracht. „Wir spucken nicht einmal mehr in den Wald“ sagt Tobias Deschner. Zu groß ist die Gefahr, dass die Tiere sich mit den Krankheiten der Menschen infizieren könnten. So wie 2009, als während einer Erkältungsepidemie zahlreiche Affen starben.

Bei Kontakt mit den Schimpansen gelten strikte Verhaltensgebote und Hygiene-Maßnahmen, wie etwa das Tragen eines Mundschutzes. Bild vergrößern
Bei Kontakt mit den Schimpansen gelten strikte Verhaltensgebote und Hygiene-Maßnahmen, wie etwa das Tragen eines Mundschutzes. [weniger]

Menschliche Krankheiten stellen eine der größten Bedrohungen für die Affen dar. Einerseits sind sie so nah mit uns verwandt, dass sie sich leicht mit unseren Krankheiten infizieren können. Andererseits ist das Immunsystem von Menschenaffen, die bisher keinen Kontakt zu Menschen hatten, völlig unvorbereitet auf deren Viren und Bakterien. Eine Infektion kann deshalb verheerende Folgen haben. Besonders groß ist diese Gefahr dort, wo Holzfirmen, Bushmeat-Jäger oder auch Bauern den Urwald nutzen, doch auch der eine enge Kontakt mit einem Forscher könnte der eine Kontakt zu viel sein für eine Schimpansengruppe – wenn dabei zum Beispiel Rhinoviren übertragen werden. Eine für den infizierten Menschen harmlose Erkältung kann dann leicht eine komplette Schimpansenfamilie das Leben kosten. 

Jeder im Camp muss sich deshalb im Umgang mit den Schimpansen an strikte Hygiene-Regeln halten, die – auch aus der bitteren Erfahrung früherer Jahre heraus – zusammen mit dem Robert-Koch-Institut in Berlin erarbeitet wurden. Die fünftägige Quarantäne im Nördlichen Camp ist dabei nur der Anfang. Jeder Forscher oder Besucher muss gegen eine Vielzahl von Krankheiten geimpft sein; niemand, der auch nur leichte Anzeichen einer Infektion zeigt, darf in den Wald. Jeder Beobachter hält immer mindestens sieben Meter Abstand zu den Affen, jeder trägt stets einen Mundschutz – auch wenn dies bei 95 Prozent Luftfeuchtigkeit und Temperaturen von über 30°C sehr unangenehm sein kann.

Mit den Schimpansen unterwegs im Dschungel

Schimpansen haben – wie die Forscher im Taï-Nationalpark auch wissenschaftlich nachweisen konnten – ein ausgezeichnetes räumliches Gedächtnis. Sie streifen in großen Gebieten umher und finden problemlos auch weit verstreut liegende Futterbäume und ihre sonstigen Lieblingsplätze wieder. Die Menschen verlassen sich hier lieber auf die moderne Technik. Hat die Affengruppe sich abends für ein Nachtlager entschieden und ihre Schlafnester hoch in den Bäumen gebaut, machen die Beobachter eine genaue GPS-Peilung. So ist es verhältnismäßig einfach, die Tiere am nächsten Morgen wieder zu finden, denn in der Nacht bewegt sich die Gruppe normalerweise nicht vom Fleck. Das wichtigste ist, bei Sonnenaufgang wieder vor Ort zu sein. Je nach Entfernung des Schlafplatzes vom Camp heißt das für die Forscher, gegen drei oder vier Uhr aufzustehen, sich mit einem guten Frühstück für den anstrengenden Tag zu stärken und sich dann auf einen mehrstündigen Fußmarsch durch den unwegsamen Dschungel zu machen. Denn wer nicht da ist, bevor die Schimpansen aufwachen und sich hungrig auf die Futtersuche begeben, hat die Gruppe meist schon verloren: Schimpansen legen in kurzer Zeit große Strecken zurück. Die Gruppe wiederzufinden kann Tage oder auch Wochen dauern und nur wer selbst die unscheinbarsten Spuren richtig deutet, hat überhaupt eine Chance, die Affen im Wald zu entdecken. Die besonderen Fähigkeiten und die große Erfahrung der ivorischen Feldassistenten sind dabei sehr wichtig. Doch viel einfacher ist es, gleich „dran zu bleiben“. Die Forscher versuchen daher, möglichst jeder der beobachteten Gruppen jeden Tag zu folgen.

Eine Schimpansengruppe wird in der Regel von zwei bis drei Forschern begleitet, wobei die Feldassistenten ein einzelnes Tier besonders beobachten und allgemeine Beobachtungen notieren, während die Studenten oder Doktoranden einer bestimmten Fragestellung nachgehen. Doch einer Gruppe von Schimpansen durch den dichten Regenwald zu folgen ist leichter gesagt als getan: Schimpansen bewegen sich in ihrer kompakten Haltung auf Händen und Füßen im Urwald schnell und mit fast unglaublicher Leichtigkeit, während die hochgewachsenen Zweibeiner über Wurzeln oder dorniges Gestrüpp stolpern, sich in Lianen verheddern und manchmal den Eindruck haben, vor einer undurchdringlichen grünen Wand zu stehen. Zusätzlich müssen sie die Tiere im Auge behalten, die bei den Lichtverhältnissen im Dschungel fast mit der Vegetation verschmelzen. Trotz aller Bemühungen bleibt da oft nur, auf die Rufe der Schimpansen zu achten und zu hoffen, dass die Gruppe bald eine Rast einlegt.

Forscheralltag im Nationalpark

Doch der Forscheralltag im Taï-Nationalpark besteht nicht nur aus dem Beobachten von Schimpansen: Die Wissenschaftler nutzen zahlreiche indirekte Methoden, um mehr über die Menschenaffen zu erfahren. Sie suchen nach Stöcken, Steinen und anderen Dingen, die die Schimpansen als Werkzeuge benutzt haben, und verbringen viel Zeit damit, den Lebensraum der Tiere möglichst gut kennenzulernen. Sie bestimmen die Pflanzen und analysieren das Nahrungsspektrum der Affen. Sie wissen genau, welche Früchte die Schimpansen besonders schätzen und wann ein solcher Baum im Streifgebiet einer Gruppe reife Früchte trägt. Besonders aufschlussreich für die Forscher ist der Kot der Schimpansen, von dem regelmäßig Proben gesammelt werden. Nicht nur über die Ernährungsgewohnheiten der Tiere lassen sich daraus viele Erkenntnisse gewinnen. Da mit dem Kot auch Zellen aus der Darmwand des Tieres ausgeschieden werden, können die Wissenschaftler daraus DNA isolieren und Genanalysen durchführen. So lassen sich die verwandtschaftlichen Beziehungen innerhalb einer Gruppe eindeutig und zweifelsfrei klären. Zum Beispiel ist es heute nicht mehr der Vermutung überlassen, welches Jungtier von welchem Affenmann abstammt – die Forscher können es genau bestimmen. Zusammen mit Informationen über den Hormonhaushalt der Tiere, die die Wissenschaftler aus der Analyse von Urinproben bekommen, lässt dies in Kombination mit den sorgfältig dokumentierten Verhaltensbeobachtungen viele Rückschlüsse auf das Familien- und Sozialverhalten einer Schimpansengruppe zu. So stammen die Jungtiere mitnichten alle vom jeweiligen Alpha-Männchen, sondern mit je nach Gruppe unterschiedlicher Häufigkeit auch von rangniedrigeren Schimpansenmännern. Wie die Forscher auf diese Weise herausgefunden haben, gibt es bei Schimpansen gerade für nicht-dominate Männchen verschiedene Strategien für den Fortpflanzungserfolg. Und auch die Weibchen verfolgen durchaus individuelle Strategien, um sich und ihrem Nachwuchs die besten Chancen zu sichern.

Wichtig sind die DNA-Analysen von Kotproben und Haaren aus verlassenen Schlafnestern auch für die Zählung der Tiere im Regenwald. Genauer als je zuvor lässt sich nun sagen, wie viele Individuen in einem Waldgebiet leben und ob Tiere, die die Gruppe verlassen haben und von den Forschern lange nicht mehr gesehen wurden, noch am Leben sind. 

Einige dieser Untersuchungen lassen sich direkt im Camp durchführen, doch die meisten Proben werden in flüssigen Stickstoff konserviert und auf Trockeneis nach Leipzig transportiert. Dort werden sie in den Labors des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie mit modernster Technik analysiert. Außerdem werden alle Proben dort als Teil einer Bio-Bank langfristig gelagert. So können später weitere Fragestellungen untersucht werden – vielleicht auch mit noch besseren Untersuchungsmethoden, die heute noch gar nicht entwickelt sind.

Kontakt zur Außenwelt

Für die Wissenschaftler ist es durch die strikten Hygienemaßnahmen schwierig geworden, das Camp einmal kurz zu verlassen und ins nächste Dorf zu fahren. Fünf für die Forschung verlorene Tage für ein Bier in der Bar – das nimmt kein Wissenschaftler in Kauf. Doch völlig von der Außenwelt abgeschnitten sind die Menschen im Camp nicht. Alle drei Tage wird über ein Satellitentelefon eine stabile Internetverbindung aufgebaut, über die die gesammelten E-Mails der letzten Tage ausgetauscht werden. Nicht nur unzählige wissenschaftliche Daten werden hin und her geschickt, auch der Kontakt mit der Familie und mit Freunden in aller Welt bleibt so erhalten. Und auch die moderne Kommunikationstechnik macht vor dem afrikanischen Busch nicht halt, der Mobilfunkempfang im Camp ist zeitweise gar nicht so schlecht: Musste man bis vor kurzem zum Telefonieren noch 20 Kilometer weit ins nächste Dorf fahren, reicht es heute je nach Camp, einen Hügel in der Nähe zu erklimmen oder auf eine Leiter zu steigen.

Die Feldforschungsassistenten sind das „Rückgrat“ der Datenerhebung. Sie arbeiten in Drei-Wochen-Schichten im Camp und folgen den Schimpansengruppen jeden Tag bei deren Streifzügen durch den Dschungel. Bild vergrößern
Die Feldforschungsassistenten sind das „Rückgrat“ der Datenerhebung. Sie arbeiten in Drei-Wochen-Schichten im Camp und folgen den Schimpansengruppen jeden Tag bei deren Streifzügen durch den Dschungel. [weniger]

Die einheimischen Feldassistenten verlassen das Camp dagegen regelmäßig. Sie arbeiten in festen Drei-Wochen-Schichten und kehren dazwischen immer wieder in ihre Heimatdörfer zurück. Neben ihrer Arbeit im Wald haben sie sich dabei noch eine andere, nicht minder wichtige Aufgabe zu Eigen gemacht: In ihren Dörfern sind sie als „Botschafter“ der Schimpansen tätig. Sie erzählen von ihrer Arbeit, berichten über all das, was sie über Schimpansen gelernt haben und schildern vor allem auch von den überraschenden und faszinierenden Erfahrungen, die sie mit den einzelnen Tieren gemacht haben. Auf diese Weise tragen sie entscheidend zum Schutz der Schimpansengruppen vor Wilderei bei. Die Feldforschungsassistenten sind nicht die einzigen Afrikaner im Max-Planck-Team. Oft sind an den Projekten auch afrikanische Studenten beteiligt. Auf ihnen ruht die Hoffnung, dass sie als fertig ausgebildete Wissenschaftler Garanten für den Schutz des Nationalparks und für die Fortführung der Forschungsprojekte sein werden – möglichst unabhängig von der politischen Lage im Land. Denn nichts ist gefährlicher für die Menschenaffen als politische Unruhen: In einem Land in dem Krieg oder Bürgerkrieg herrschen, haben wildlebende Affen keine Lobby.

Matsch, Dauerregen, nahezu undurchdringliche Vegetation, Parasiten – der Forscheralltag fernab jeglicher Zivilisation ist oft mühsam und nicht immer angenehm. Und doch ist der Regenwald für nicht wenige Wissenschaftler das Paradies auf Erden. „Die Schimpansen im Taï gehören zu meinem Leben, mit manchen von Ihnen habe ich mehr Zeit verbracht als mit meinen engsten Freunden. Sie hier frei und in ihrem natürlichen Lebensraum zu erleben, ist pures Glück“, sagt Tobias Deschner.

Andrea Wegener


Bild: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie / Christophe Boesch

 
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