Originalveröffentlichungen

1.
Boesch, C.
The effects of leopard predation on grouping patterns in forest chimpanzees.

Leoparden

Tod aus dem Hinterhalt

Für die Schimpansen im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste kommt der Tod auf leisen Pfoten: Mit einem Sprung aus dem Hinterhalt packt der Leopard seine Beute und tötet sie mit einem Biss in die Kehle oder Brust. Der Angriff ist so überraschend, dass dem Opfer keine Zeit zur Flucht bleibt.

Neben dem Menschen sind Leoparden im dichten Regenwald des Taï-Nationalparks die einzigen Feinde der Schimpansen. Leoparden sind Anschleich- oder Lauerjäger. Sie sind nicht ausdauernd genug für lange Verfolgungsjagden, deshalb müssen sie ihre Beute auf kurze Distanz erjagen – eine ideale Jagdtaktik im dichten Unterholz des Regenwalds.

Leopardenangriffe auf Schimpansen sind schwer zu beobachten, denn die Anwesenheit von Menschen schreckt die scheuen Jäger ab. Christophe Boesch vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat im Taï-Nationalpark innerhalb von fünf Jahren 16 Verletzungen   von Schimpansen dokumentiert, die auf Angriffe von Leoparden zurückgeführt werden konnten. In 12 Fällen vertrieben Schimpansen die Angreifer, in 4 Fällen kam die Rettung zu spät. Zwei von den Getöteten wurden wahrscheinlich von den Leoparden später teilweise aufgefressen.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Leoparden erfolgreiche Schimpansenjäger sind: Jeder Schimpanse wird im Durchschnitt alle dreieinhalb Jahre von einem Leoparden attackiert. Damit sind Angriffe von Leoparden vermutlich die häufigste Todesursache der Taï-Schimpansen. Statistisch gesehen fällt ein Schimpanse dort im Zeitraum von 18 Jahren einer Raubkatze zum Opfer.

Die Menschenaffen haben deshalb verschiedene Abwehrstrategien entwickelt, um der Gefahr zu begegnen. Christophe Boesch hat herausgefunden, dass die Bedrohung durch Leoparden großen Einfluss auf die Gruppengröße hat. So leben Schimpansen in Gebieten mit vielen Leoparden in größeren Gruppen zusammen als beispielsweise Schimpansen in den Savannen, wo es weniger Raubkatzen gibt. Größere Gruppen bieten bessere Verteidigungsmöglichkeiten.

Bei einer Attacke halten die Taï-Schimpansen enger zusammen als ihre Artgenossen in der Savanne. Entdeckt ein Tier einen Leoparden und stößt daraufhin Alarmrufe aus, kommen ihm sofort andere Gruppenmitglieder zu Hilfe. Außerdem kümmern sie sich intensiv und über Wochen hinweg um verwundete Gruppenmitglieder.

Angriff ist manchmal die beste Verteidigung, das gilt auch für die Taï-Schimpansen. Wann immer die Tiere auf Leoparden stoßen, setzen sie alles daran, diese zu verjagen. Dafür setzen sie sogar einfache Waffen ein. Christophe Boesch hat Schimpansen beobachtet, die Leoparden mit Ästen vertrieben haben. Gefährlich leben deshalb auch Leopardenmütter mit ihren Jungen. Wenn Schimpansen ein Jungtier erwischen, töten sie es und entledigen sich so eines zukünftigen Fressfeindes.

Harald Rösch

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Wie Schimpansen ihr Territorium verteidigen

Bild: Fotolia

 
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