Originalveröffentlichungen

1.
Normand, E., Ban, S.D., Boesch, C.
Sophisticated Euclidean maps in forest chimpanzees.
2.
Normand, E., Boesch, C.
Forest chimpanzees (Pan troglodytes verus) remember the location of numerous fruit trees.

Orientierung

Landkarten im Kopf

Der tropische Regenwald im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste ist ein Dickicht aus Buschwerk, Lianen und umgestürzten Bäumen. Die Sichtweite beträgt meist weniger als 20 Meter. In dieser unübersichtlichen Umgebung müssen sich die Schimpansen orientieren, Futter- und Trinkplätze wiederfinden und die Grenzen ihrer Territorien abstecken. Besonders schwierig ist die Futtersuche, denn die Futterbäume der Schimpansen liegen weit verstreut. Außerdem werden ihre Früchte zu unterschiedlichen Zeiten im Jahr reif.

Emmanuelle Normand und ihre Kollegen vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben entdeckt, dass die Taï-Schimpansen ein ausgezeichnetes räumliches Gedächtnis haben und sich die Orte ihrer Lieblingsfutterbäume genau merken können. Die Forscher haben dazu verschiedene mögliche Suchstrategien am Computer simuliert und mit dem tatsächlichen Wander- und Fressverhalten der Tiere verglichen. 

Die Ergebnisse der Analysen zeigen, dass die Schimpansen manche seltenen Baumarten viel häufiger besuchen als rein zufällig zu erwarten wäre. Außerdem nehmen die Tiere längere Wanderungswege in Kauf, um zu ihren üppig fruchttragenden Lieblingsbäumen zu kommen. Für die Wissenschaftler ist deshalb klar: Die Schimpansen des tropischen Regenwaldes können sich mit ihrem präzisen räumlichen Gedächtnis an den Standort von vielen Nahrungsquellen erinnern und nutzen dies dafür, die attraktivsten Nahrungsquellen auszuwählen.

Doch wie finden sich die Affen im dichten Unterholz des Dschungels zurecht? Die Leipziger Forscher haben den Orientierungssinn der Taï-Schimpansen untersucht und herausgefunden, dass die Tiere genau wissen, wohin sie gehen. Sie wandern in einer geraden Linie auf die nächste Futterstelle zu und kennen die Entfernung. Außerdem können sie sich einer Futterstelle aus verschiedenen Richtungen nähern, anstatt immer wieder nur auf dem gleichen Weg dorthin zu gelangen.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Schimpansen eine mentale Landkarte benutzen, um von einem Punkt zum anderen zu gelangen. Eine solche sogenannte euklidische Karte entsteht, wenn die Tiere ihre Laufrichtung, die zurückgelegte Strecke und  Nahrungsquellen im Kopf kombinieren und daraus eine Karte zusammensetzen. Sie nutzen also nicht nur bekannte Orientierungspunkte für ihre Wanderungen wie viele andere Tierarten. Auch wir Menschen bauen uns eine mentale euklidische Karte von unserer Umwelt, allerdings erst ab einem Alter von sechs bis sieben Jahren.

Harald Rösch

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Wie Schimpansen Werkzeuge gebrauchen

Bild: Sonja Metzger

 
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