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Prof. Dr. Christophe Boesch

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Max-Planck-Institute for Evolutionary Anthropology, Leipzig

Website Christophe Boesch

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Dr. Hjalmar Kühl

Telefon:+49 341 3550-236

Max-Planck-Institute for Evolutionary Anthropology

A.P.E.S. - Database

Originalpublikationen

1.
Jessica Junker et al.
Recent decline in suitable environmental conditions for African great apes
2.
Geneviève Campbell, Hjalmar Kühl, Paul Kouamé N’Goran und Christophe Boesch
Alarming decline of West African chimpanzees in Côte d’Ivoire

Weiterführende Links

Immer weniger Platz für Afrikas Menschenaffen

Eine erste den gesamten afrikanischen Kontinent übergreifende Studie belegt, dass die Lebensräume dieser Tiere in den letzten Jahren dramatisch geschrumpft sind. [mehr]

Abholzung gefährdet Schimpansen

Forscher am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie haben erstmals seit 17 Jahren an der westafrikanischen Elfenbeinküste Schimpansen gezählt und festgestellt, dass die Population einen katastrophalen Rückgang erlitten hat. Gründe dafür sind vor allem Waldrodungen und Wilderei. [mehr]

Die A.P.E.S. - Datenbank

Eine umfassende Datensammlung: Neben vielen Karten und Hintergrundmaterial können hier konkrete Daten zu den Beständen von Menschenaffen abgerufen werden. [mehr]

Manifesto for Apes and Nature

Unterschriftenaktion für den Erhalt der Menschenaffen und ihrer Lebensräume [mehr]

Artenschutz

Schimpansen in Gefahr

Wie viele Schimpansen noch in den tropischen Wäldern und Savannen Afrikas leben, ließ sich bislang nur grob schätzen. Feldbiologen haben deshalb versucht mit exakten Methoden, die Populationsgrößen und ihre Entwicklung zu ermitteln. Ziel ist es dabei, die Tiere wirksam zu schützen.

Die Lebensräume der großen Menschenaffen, zu denen Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans zählen, sind in den letzten 20 Jahren dramatisch geschrumpft. Das belegt erstmals eine Studie, die von der Internationalen Union für die Erhaltung der Natur (IUCN) in Auftrag gegeben und unter Führung von Leipziger Forschern vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie durchgeführt wurde. Mehr als 15.000 Nachweise über Vorkommen von afrikanischen Menschenaffen wurden zusammengetragen und geben einen Überblick über noch verbleibende  Habitate. Diese Vorkommens-Nachweise wurden in einer Datenbank archiviert (A.P.E.S) und dienen auch als wichtiges Instrument des Artenschutzes.

Von den afrikanischen Arten sind demnach die Schimpansen noch am weitesten verbreitet. In West-, Zentral- und Ostafrika leben etwa noch 150.000 Individuen. Anders als Bonobo und Gorilla können sie sich an unterschiedliche Lebensräume anpassen. Die meisten Schimpansen sind im tropischen Regenwald zu Hause; sie kommen aber auch in den trockeneren Baumsavannen vor. Neben Waldrodungen durch Bergbau und industrielle Landwirtschaft  gefährden vor allem die illegale Jagd und Krankheiten diese faszinierende Affenart.

Insgesamt gingen ihnen in den vergangenen 20 Jahren mehr als 200.000 Quadratkilometer an Lebensraum verloren, eine Fläche von etwa 3800 Fußballfeldern pro Tag.

Die wichtigsten Fakten im Überblick:

Waldrodungen

  • Die Wälder werden durch Brandrodungen vernichtet:
  • Hauptakteur ist hier die Holzindustrie: Da die begehrten Tropenbäume nicht in Gruppen, sondern meist verstreut im Wald wachsen, schlagen Firmen ständig neue Schneisen in den Wald und bauen Straßen, um die Tropenhölzer abzutransportieren.
  • Agroindustrie: Um die schnell wachsende Nachfrage der Industrienationen und Schwellenländer nach Produkten aus tropischen Regionen wie Palmöl, Kautschuk, Zucker und Biotreibstoffen zu befriedigen, werden Plantagen - Tausende von Hektar groß – angelegt. Dies beschleunigt die Zerstörung der Lebensräume von Menschenaffen weiter.
  • Auch der Jagd nach mineralischen Rohstoffen fallen immer mehr Wälder zum Opfer: Dort wo es bedeutende Vorkommen gibt, werden im großen Maßstab Erze wie Aluminium, Gold, Kupfer oder Koltan abgebaut sowie Öl gefördert.
  • Der Straßenbau – obwohl flächenmäßig eher unbedeutend – öffnet den Wald für Siedler. Diese brennen weiterhin Flächen ab, bauen Getreide und andere Feldfrüchte auf den gerodeten Flächen an.
  • Die Wilderei nimmt  in diesen Gebieten dramatisch zu.

Die Regionen, die am stärksten betroffen sind, sind die Regenwaldgebiete des Kongobeckens und der westafrikanische Küstenwald in Liberia. In anderen Gebieten, die keinen so starken Rückgang vermelden, wurde ein großer Teil der Lebensräume bereits vor den 1990er-Jahren zerstört. Vor allem die abgelegenen, zentralafrikanischen Waldgebiete, die heute noch als Hochburg der Menschenaffen gelten, sind mittlerweile von vielen Holz- und Bergwerksstraßen durchzogen und wurden in Folge dessen von Menschen besiedelt.

Wilderei

Wenig Rückzugsmöglichkeiten: Die Schutzzonen für Schimpansen in Ost- und Zentralafrika (dunkelgrün) und solche Gebiete, die nach Empfehlungen von Wissenschaftlern -  in besondere Aktionspläne aufgenommen werden sollten (grau). Bild vergrößern
Wenig Rückzugsmöglichkeiten: Die Schutzzonen für Schimpansen in Ost- und Zentralafrika (dunkelgrün) und solche Gebiete, die nach Empfehlungen von Wissenschaftlern -  in besondere Aktionspläne aufgenommen werden sollten (grau). [weniger]

Viele Tiere, die im Wald leben, werden wegen ihres Fleisches gejagt, obwohl die Jagd auf geschützte Arten, wie Menschenaffen überall illegal ist. „Doch selbst Verbote können das Töten bislang nicht stoppen“, sagt Tobias Deschner, Primatologe am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

Die Gründe hierfür sind vielfältig: Mehrere 100 Millionen Menschen leben in den Regionen Afrikas, in denen auch Menschaffen verbreitet sind. Darüber hinaus wächst die Stadtbevölkerung in Zentral-, Ost- und Westafrika jährlich um zwei bis vier Prozent an. Mit steigenden Einkommen der Stadtbevölkerung wächst auch die Nachfrage nach Wildfleisch, das auf vielen Märkten offen angeboten wird. Es dient der ärmeren Landbevölkerung als lukrative Einnahmequelle.

Auf der Jagd nach Antilopen oder anderem Wild zögern Wilderer nicht, auch Schimpansen und andere Menschenaffen zu erschießen. Die Buschwildjäger dezimieren dadurch nicht nur drastisch die Schimpansen-Populationen, sondern erhöhen auch das Risiko der Übertragung von Krankheiten vom Schimpansen auf den Menschen. Jüngste Forschungen haben ergeben, dass der HI-Virus, der beim Menschen Aids hervorruft, wahrscheinlich vom Schimpansen stammt. Wissenschaftler sind heute der Auffassung, dass diese Krankheit über den Handel mit Wildfleisch auf den Menschen übergegangen sein könnte.

Infektionskrankheiten

Auch das Ebola-Fieber, das vermutlich durch Flughunde auf Mensch und Affen übertragen wird, forderte in den letzten 10 bis 15 Jahren in den Wäldern Zentralafrikas einen hohen Tribut. Viele Menschen starben. Aber auch die Schimpansen- und  Gorillapopulationen wurden drastisch dezimiert. In einem Gebiet am Rande des Odzala Nationalparks in der Republik Kongo starben binnen weniger Monate 90 Prozent der Gorillas. (Martha Robbins/Christophe Boesch: „Menschenaffen“). Da es keinen Impfstoff gegen Ebola gibt, bleibt die Gefahr dieser tückischen Krankheit für Mensch und Tier weiter bestehen.

Durch die Jagd auf Menschenaffen, steigt auch das Risiko, dass menschliche Krankheiten eingeschleppt werden. Gegen Atemwegs- und Darmerkrankungen hat der Mensch Abwehrstoffe entwickelt, die Menschenaffen aber nicht. Vor allem Atemwegserkrankungen, die sich beim Menschen als gewöhnliche Erkältungen äußern, nehmen bei Schimpansen oft einen tödlichen Verlauf. Die Gefahr der Keimübertragung lässt sich minimieren, indem Wissenschaftler und Touristen, die in die Nähe der Tiere kommen, Vorsichtsmaßnahmen beherzigen.

Seit mehreren Jahren  sterben im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste, viele Schimpansen an Milzbrand. Wissenschaftler versuchen die Tiere so gut es geht mit Hilfe von Blasrohren zu impfen und konnten die Infektion so bislang in Schach halten.

Zensus im Dschungel

In den 1950er-Jahren wurde die Schimpansen-Population an der Elfenbeinküste erstmals auf einige 10.000 Tiere geschätzt. Rund 30 Jahre später, als die erste nationale Schimpansen-Zählung stattfand, musste die Schätzung auf 8.000 bis 12.000 Tiere nach unten korrigiert werden. Obwohl bereits damals ein starker Populationsrückgang zu verzeichnen war, beheimatete das Land damals noch einen großen Teil der Westafrikanischen Schimpansen.

Im Rahmen einer Studie am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie wurde 2008 erneut eine landesweite Schimpansen Zählung durchgeführt. Das Ergebnis fiel katastrophal aus: Die Affenforscher gehen nur noch von zirka 1000 bis 2000 Tieren an der Elfenbeinküste aus. Es wurden rund 90 Prozent weniger Schimpansen-Schlafnester als bei der Datenerhebung vor 17 Jahren gezählt. Am stärksten war der Populationsrückgang in ungeschützten Waldgebieten – außerhalb der Nationalparks.

Aber auch Schimpansen in den Schutzgebieten sind bedroht, sobald die Überwachung aufhört, beziehungsweise externe Finanzierung oder Unterstützung vorübergehend unterbrochen werden. „Artenschutzaktivitäten können nur dann erfolgreich sein, wenn eine Langzeitfinanzierung sichergestellt wird," sagt Christophe Boesch, der das Forscherteam leitete.

So nahmen die Forscher zum Beispiel an, dass sie im Marahoué Nationalpark eine der größten Schimpansen-Populationen der Elfenbeinküste finden würden. Aber nur wenige Jahre nachdem internationale Artenschutzprojekte aufgrund von politischen Unruhen im Land auf Eis gelegt worden waren, wurde der Park von Farmern in Beschlag genommen.

"Ich folgte meinen Routen im Marahoué Nationalpark, ähnlich wie ich denen in klassifizierten Wäldern im ganzen Land gefolgt war, wo ich oft lange und beschwerlich suchen musste, um überhaupt noch ursprüngliche Bäume zu finden", erzählt Geneviève Campbell, die die Daten sammelte. "Traurig war vor allem, dass ich nur ein einziges Schimpansen-Schlafnest in diesem Park gefunden habe, wo man während der letzten Zählung entlang derselben Route noch auf 234 Nester gestoßen war".

Ein Juwel für kommende Generationen

Die wenigen an der Elfenbeinküste verbliebenen Schimpansen-Populationen verteilen sich auf ein weites Gebiet. Die vermutlich einzige überlebensfähige Population lebt im Taï-Nationalpark, in dem der Film „Schimpansen“ gedreht wurde. 2012 zählte man dort noch rund 264 Tiere. Doch auch diese Population ist durch Wilderei extrem gefährdet.

Deshalb setzt sich die „Wild Chimpanzee Foundation“, die von Christophe Boesch gegründet wurde, dort und in vielen anderen Ländern Westafrikas für das Überleben der faszinierenden Menschenaffen ein.

Ziel der Naturschutzorganisation ist es, das Juwel an der Elfenbeinküste auch für kommende Generationen zu bewahren. Zu der Vielzahl von Maßnahmen gehören u.a. weitere Forschung, effiziente Schutzmaßnahmen im Park wie zum Beispiel die Unterstützung der Patrouillen durch Parkwächter sowie Aufklärungskampagnen und Entwicklungsprogramme, die die Bevölkerung für die Rettung der Tiere sensibilisieren sollen. In den Wäldern werden Naturkurse für Schulkinder gehalten, Theaterstücke aufgeführt und Einheimische an Forschungsprogrammen beteiligt, um ihnen den Wert des Waldes näher zu bringen.

Keiner dieser Ansätze ist für sich genommen besonders schwierig, aber sie in einer wirksamen, individuell angepassten Art zu nutzen, kann sehr kompliziert sein – insbesondere dort, wo Armut herrscht, Korruption weit verbreitet ist und Schulen sowie Geld für Entwicklungsmaßnahmen fehlen. „Insgesamt sind die Mittel, die für den Naturschutz in Afrika zur Verfügung stehen, absolut unzureichend“, schreibt Christophe Boesch in seinem Buch „Menschenaffen“. Deshalb versuchen wir derzeit - so theatralisch dies auch klingen mag -, eine Feuersbrunst mit ein paar Eimern Wasser zu löschen“.

Barbara Abrell

Bildnachweis: Disneynature

 
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