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Dr. Tobias Deschner

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Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig

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Schimpansen in Westafrika

Die Forschungsstation

Der Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste ist mit einer Fläche von 5300 Quadratkilometern der größte zusammenhängende Regenwald, den es in Westafrika noch gibt. Dort betreibt das Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie ein Forschungscamp. Für den Filmdreh mietete sich das Disney-Team mit viel Ausrüstung ein. Mehr als drei Jahre war das Kamerateam mit Pausen zu Gast.

Die Stiftung

Lebensraumverlust, Wilderei und Krankheiten bedrohen die Schimpansen massiv. Die Wild Chimpanzee Foundation (WCF), gegründet von Christophe Boesch, Direktor am MPI für evolutionäre Anthropologie, setzt sich mit gezielten Kampagnen in Westafrika für das Überleben der faszinierenden Menschenaffen ein. www.wildchimps.org

Wie der Film entstand

Dolmetscher im Dschungel

Disney zeigt im Kino, wie Schimpansen frei leben – ermöglicht haben das Leipziger Affenforscher. Tobias Deschner berichtet über die Arbeit mit Kamerateam und tierischen Hauptdarstellern.

Der Kontrast könnte größer nicht sein: das moderne Bürogebäude der Max-Planck-Gesellschaft in München, das Tobias Deschner kurz vor seiner jüngsten Reise in die Elfenbeinküste zum ersten Mal besucht, und der Taï-Nationalpark, ein tropischer Regenwald, den er seit 13 Jahren kennt – und der ihm vertraut ist. Seine Koffer sind bereits gepackt, als er in der Münchner Zentrale über die Dreharbeiten im Dschungel berichtet.

Zwölf Autostunden von der Hafenstadt Abidjan, drei Stunden Matschstraße entfernt vom nächsten Dorf, liegt unweit der liberischen Grenze das Camp der Max-Planck-Forscher. Das Disney-Team um Regisseur Alastair Fothergill und Kameramann Martyn Colbeck baute hier eine neue, komfortablere Hütte neben die der Wissenschaftler, zog mit 1000 Kilogramm Ausrüstung, Matratzen, Moskitonetzen, Kerzen, Generatoren und vielen Kisten voller Lebensmittel ein. Zweieinhalb Jahre dauerten die Filmaufnahmen für „Schimpansen“ nahe der Forschungsstation, ein weiteres Team drehte in Ngogo im Kibale-Nationalpark in Uganda.

Fernab jeder Zivilisation trafen sie also aufeinander: die Wissenschaftler, die Tierfilmer und die Schimpansen, die von Anfang an den Ablauf bestimmten. „Die Schimpansen haben hier alle Namen und jeder eine eigenwillige Persönlichkeit“, sagt Deschner. Anfangs arbeitete der Dschungel gegen sie: Manche Tiere, die von Regisseur Fothergill und Max-Planck-Direktor Christophe Boesch „gecastet“ worden waren, schmähten die Kameras, wollten sich nicht filmen lassen. So die stolze Schimpansendame Sumatra, eine Diva mit Starqualität, aber ohne Lust am Rummel um ihre Person. Häufig prasselte Dauerregen auf die Gäste herab, dichte Vegetation und schwierige Lichtverhältnisse erschwerten die Drehs.

Affentheater von früh bis spät

Zugang zu den Tieren bekam das Filmteam über die Max-Planck-Wissenschaftler. Mit Stirnlampe machten sich diese vor Tagesanbruch auf den Weg, um die Schlafnester zu suchen. Über Walkie-Talkies hielten sie Kontakt zu den Kameraleuten und wiesen ihnen den Weg. Bis zu zwei Stunden wateten sie durch morastigen Boden, kletterten über gigantische Wurzeln und rissen sich an dornigen Palmen die Arme auf. „Wer nicht ankommt, bevor die Schimpansengruppe aufwacht, hat schon verloren“, sagt Deschner. Denn wenn die Tiere erst nach Nahrung suchen, heißt es schnell sein. „Es ist eine Raserei von der Früh bis spät am Abend“, erzählt er. Dafür werde man mit „bestem Affentheater“ belohnt.

Beim Zusammentreffen mit den Tieren gab es strenge Regeln: kein Augenkontakt, keine schnellen Bewegungen, keine Gespräche oder gar Essen in ihrer Nähe, sieben Meter Abstand, Mundmaske zum Schutz der Affen vor menschlichen Krankheitserregern. Der Film, der dabei entstand und
der bereits die US-Zuschauer in seinen Bann zog, lässt nichts erahnen von den Strapazen während des Drehs. Er wirkt leicht, ja fast beschaulich: Junge Schimpansen jagen, kitzeln und kraulen sich. Sie dösen auf dem Waldboden. Sie schlagen sich beim Versuch, eine Pandanuss zu knacken, auf die Finger. Die erwachsenen Tiere zeigen ihrem Nachwuchs, wie er am besten Eier von Treiberameisen aus dem Bau fischt oder Parinari-Früchte zwischen den Lippen zu einem weichen Brei verwandelt. Und natürlich ist da der – weniger wissenschaftliche, aber sehr filmtaugliche – Kampf zwischen den „Guten“, der Gruppe um Alphamännchen Freddy, und den „Bösen“, der rivalisierenden Gruppe um Scar (Narbe). „Dieser Kampf hat so nie stattgefunden. Die Gruppen konnten gar nicht aufeinander stoßen“, plaudert Deschner aus dem Nähkästchen. Während Freddys Gruppe im Taï-Nationalpark beheimatet sei, lebe die Bande von Scar in Ngogo im Kibale-Nationalpark in Uganda.


Adoption im Dschungel

Der eigentliche Star des Films ist jedoch Oscar. Der kleine Schimpansenjunge verliert im Film seine Mutter Isha, die von einem Leoparden getötet wird. In Freddy jedoch, dem Alphamännchen, findet er einen starken Beschützer, der ihm hilft, im Dschungel zu überleben.

Im Taï-Nationalpark haben Christophe Boesch und sein Team bereits 18 vergleichbare Adoptionen von Jungtieren beobachtet. Zwei Mütter mit noch saugendem Nachwuchs adoptierten noch ein zweites Kind, obwohl eine mit ihrem eigenen völlig ausgelastet war. Rund die Hälfte aller
Adoptionen ging jedoch auf das Konto von Männchen. Dass sich ein derartig spektakulärer Fall vor laufender Kamera ereignete, gehört zu den ganz besonderen Momenten jedes Regisseurs. „Männliche Schimpansen sind meistens ziemliche Machos, die sich oft nicht besonders um ihren eigenen Nachwuchs kümmern“, sagt Deschner. Doch im Taï-Nationalpark werden sie in ihrer Rolle als Adoptivväter erstaunlich fürsorglich: Sie tragen die kleinen Affen auf ihrem Rücken, pflegen deren Fell, versorgen sie mit Nahrung.

Tobias Deschner ist immer wieder überrascht, wie wenig Menschen über das Leben ihrer nächsten Verwandten wissen. Zum Beispiel, wie komplex ihr Sozialleben ist, wie kooperativ sich Schimpansen verhalten. „Wir erleben diese wunderbaren Tiere meist nur im Zoo.“ Deshalb ist Tobias Deschner froh, dass der Film nun in die deutschen Kinos kommt – und das Leben von Schimpansen im Freiland zeigt: „Ich hoffe sehr, dass sich die Zuschauer mit den Tieren verbunden fühlen und uns helfen, diese bedrohte Art zu schützen.“

Barbara Abrell

Bildnachweise: Disneynature (1), Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (1)

 
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